What the Fadenlauf?? – Warum der Fadenlauf mehr als nur ein Pfeil auf einem Schnitt ist

Was ist der Fadenlauf? Fadenlauf erklärt -  Tweed & Greet

Der Fadenlaufpfeil auf einem Schnittmuster. Das Erste, das ich damals in meinem Nähkurs über den Fadenlauf lernte, war, dass ich diesen berühmten Pfeil immer parallel zur Webkante legen muss. Das hab‘ ich damals auch immer brav gemacht, allerdings ohne wirklich zu wissen, was er eigentlich genau bedeutet. Im Laufe meiner „Nähkarriere“ stellte ich fest, dass das auch andere einfach so hinnehmen, ohne ihn zu hinterfragen. Wiederum andere, achten überhaupt nicht darauf, und legen Schnittteile nach Lust und Laune auf den Stoff. Weil es ihnen niemand gezeigt hat, wenn sie sich das Nähen z.B. selbst beigebracht haben.

Je mehr ich mich mit Nähen beschäftigte, desto interessanter fand ich später diesen Pfeil. Und heute sitze ich hier und werde dem Thema Fadenlauf einfach mal einen kompletten Post widmen. Ernsthaft. Ich finde, er ist wichtiger und viel spannender als so mancher von uns denkt.

Es ist nämlich genau dieser Pfeil auf dem Schnittmuster, von dem – z.B. neben der Stoffart, und dem Gewicht des Stoffes – der Fall und die Passform eines Kleidungsstücks abhängt. Der Pfeil des Fadenlaufs gibt die Richtung vor, in die wir die Schnitteile auf den Stoff legen und entscheidet später nicht nur über die Richtung eines möglichen Musters, sondern auch darüber, ob ein Schnittteil stabil bleibt oder sich dehnt.

Kleiner Exkurs vorab: Web- und Maschenware

Bevor wir ins Thema Fadenlauf einsteigen, gibt’s ganz kurz einen Ausflug über Stoffaufbau, damit klar wird, was der Fadenlauf eigentlich wirklich ist. Nämlich, die Richtung des in den Stoff eingearbeiteten Fadens. Bei einem gewebten Stoff, der aus vertikal und horizontal verlaufenden, miteinander verwebten Fäden besteht, heißen die senkrecht verlaufenden Fäden, Kettfäden und die waagerecht verlaufenden Fäden, Schussfäden.

Die senkrechten Kettfäden verlaufen dabei gleichzeitig parallel zur Webkante. Hier spricht man von einem geraden Fadenlauf, bzw. Längsfadenlauf. Der Stoff ist in dieser Richtung sehr stabil in seiner Form nicht dehnbar.

Den Verlauf des Fadens in Schussrichtung, also in die horizontale Richtung, bezeichnet man als Querfadenlauf. In Richtung des Querfadenlaufs ist der Stoff etwas weniger stabil und dehnt sich leicht. Manchmal wird hier auch bewusst elastisches Material verwendet, wie z.B. Stretch, um Webstoffe für eine bessere Passform dehnbar zu machen.

Der schräge Fadenlauf verläuft im 45° Winkel zur Webkante. In diese Richtung ist der Stoff ganz besonders dehnbar. Man kann selbst ganz einfach an einem Stück Stoff überprüfen, wenn man auf beiden Seiten diagonal am Stoff zieht.

Bei einem  Stoff, der aus Maschenware besteht, z.B. Jersey, wird ein durchgehender Faden zu Schlingen geformt, die miteinander verbunden werden. Dadurch ist Maschenware ist im Gegensatz zu Webware viel dehnbarer, und das sogar in beide Richtungen. Wobei es auch hier eine unterschiedliche Dehnbarkeit abhängig von der Richtung gibt: In Querrichtung, also zur Webkante ist auch ein Stoff aus Maschenware dehnbarer als in Längsrichtung und am dehnbarsten im schrägen Fadenlauf.

Was ist der Fadenlauf? Fadenlauf erklärt - Tweed & Greet

Die Bedeutung des Fadenlaufpfeils auf einem Schnittmuster

Der Pfeil auf dem Schnittmuster zeigt immer die Richtung an, in die der gerade Fadenlauf verläuft. Deswegen muss beim Zuschneiden darauf geachtet werden, dass er parallel zur Webkante und damit in Richtung der Schussfäden verläuft. Er zeigt uns aber auch gleichzeitig, in welcher Position ein Schnittteil auf den Stoff aufgelegt werden muss. Je nachdem, wie der Pfeil auf dem Schnittteil eingezeichnet wurde, kann sich diese Position nämlich ändern.

Er ist übrigens keine Erfindung, die nur für uns Hobbynäherinnen erstellt wurde. Im Gegenteil. In der Bekleidungsindustrie wird durch den Fadenlaufpfeil auf einem Schnitt die Stoffrichtung  kommuniziert. So können bestimmte Passformen erzielt oder z.B. grafische Highlights wie der Verlauf eines Streifenmusters auf einem Stoff bestimmt werden. Habt ihr Euch schon einmal gefragt, warum der Pfeil auf einem Schnittmuster meistens zwei Spitzen hat? In der Industrie kann so ein Schnittteil auch nur mit einer Pfeilspitze ausgestattet sein. Dann bedeutet das, dass der erforderliche Stoff einen Flor hat, wie z.B. Samt oder Cord. Die Pfeilspitze zeigt dann die Florrichtung an, in die der Schnitt auf den Stoff aufgelegt werden muss. Da im Hobbynähbereich je nach Geschmack mit unterschiedlichen Stoffen gearbeitet werden kann, ist die Florrichtung nicht relevant und es gibt hauptsächlich Pfeile mit zwei Spitzen. Es sei denn, jemand würde einen Schnitt herausbringen, der nur für Samt geeignet ist.

Kleidungsstücke wie Hosen und Hemden werden üblicherweise im geraden Fadenlauf zugeschnitten. Durch die stabilen Kettfäden erhalten sie dann Halt in ihrer Längsrichtung und durch das Nachlassen der Schussfäden in die Waagerechte, passen sie sich dem Körper an. Weicht man dann von diesem Fadenlauf ab, kann es passieren, dass sich ein Kleidungsstück komisch verdreht. Die Erfahrung hat bestimmt jeder einmal gemacht, der den Fadenlauf beim Zuschneiden von Hosenbeinen nicht ganz so genau genommen hat.

Man kann Schnitteile aber auch in Querrichtung zuschneiden. Dann verläuft die vordere und hintere Mitte eines Schnitteils im rechten Winkel zum Längsfadenlauf. Beispielsweise werden Schulterpassen von Hemden so zugeschnitten, weil sie dann am Rücken formstabiler sind.

Jedoch können Kleidungsstücke auch in einem schrägen Fadenlauf zum Stoff gezeichnet werden.  Dabei geht der Pfeil auf dem Schnitt zwar weiterhin parallel zur Webkante, das Kleidungsstück wird aber in einem 45°-Winkel auf den Schnitt gelegt.  Der Stoff ist in diese Richtung nicht mehr so formstabil. Manchmal ist genau solch‘ eine fehlende Formstabilität bei Kleidern oder Röcken erwünscht, weil sich der Stoff dem Körper besser anpasst und man ggf. auf Abnäher verzichten möchte.

Der Fadenlauf kann von den Schnittmusterdesignern also gezielt eingesetzt werden, um  gewünschte Designkriterien zu erfüllen. Je nachdem welche Art von Stoff für der Schnitt vorgesehen ist, kann er auf diese Weise einen wichtigen Part im Aussehen und der Passform spielen.

Und auch wir als Verwender von Schnittmustern, können mit dem Fadenlauf bewusst spielen. Das erfordert manchmal zwar etwas Erfahrung, weil dann auch schonmal Mehrweite reduziert oder hinzugegeben werden muss, aber zum Beispiel gerade bei gemusterten Stoffen, eröffnen sich spannende Designdetails für einzigartige Hingucker.

Was ist der Fadenlauf? Fadenlauf erklärt - Tweed & Greet

Puuuh, ganz schön viel Text für so einen unscheinbaren Fadenlaufpfeil. Aber er ist eben nicht nur nur ein Pfeil, sondern relevantes Kommunikationsmittel vom Schnittersteller an die Person, die den Schnitt zuschneidet. Und ein beachtenswertes Element, dass bewusst wichtigste Kriterien eines Kleidungsstücks wie Passform und Design bestimmt. Er hat definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient.

Auf das wir nun alle zu bewussteren Hobbyschneiderinnen werden! Ich wünsche Euch einen schönen Sonntag!

Liebste Grüße,

Selmin

Veröffentlicht von Selmin von Tweed & Greet

Hello, nice to meet you! Ich bin Selmin. Vor zwei Jahren habe ich meine Liebe zum Nähen entdeckt und genieße seitdem immer wieder das Gefühl, am Ende eines Nähprojektes dieses einzigartige Stück in den Händen zu halten. Es ist ein ganz besonderer "Oh hello!"-Moment, wenn mich mein Werk in seiner Vollständigkeit begrüsst und ich weiß, dass ich für genau diesen Moment gearbeitet habe. Ich möchte in diesem Blog meine Projekte mit euch teilen und alles was mich zu diesen Projekten inspiriert: Schöne hochwertige Stoffe, besonderes handwerkliches Design aus dem Bereich Fashion und Lifestyle. Da ich selbst noch im Lernprozess bin, kenne ich viele Anfängerfehler und möchte vor allem auch Leuten, die erst seit kurzer Zeit "hello to handmade fashion" gesagt haben, eine Lernplattform bieten. Ich wünsche Euch viel Spaß und freue mich sehr über Feedback und Austausch.

21 Kommentare

  1. Ich muss sagen, ich lese gerne solche informativen Zusammenfassungen von einem so komplexen Thema. Klingt zwar im ersten Moment total langweilig, ist aber echt ganz spannend! 🙂
    Jetzt frage ich mich nur, ob beim schrägen Fadenlauf die Streifen nicht eigentlich von der Mitte nach unten verlaufen müssten? 😀 Total irrelevant, aber ich hab bestimmt zwei Minuten überlegt, wie diese Streifen verlaufen… 😉
    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag!

  2. Sehr informativ! Danke für die gute Erklärung. Als ich den Titel gelesen habe, habe ich mich gefragt: „Fadenlauf? Was war das denn noch mal???“ 🤔

  3. Ganz vielen lieben Dank für diesen Artikel. Ich liebe und verschlinge so etwas. Danke für die Mühe 😊

  4. Ja, der Fadenlauf……….bei manchen Stoffen hatte ich da schon so meine Problemchen gehabt. super toll erklärt. Danke für die tolle Illustration, finde ich sehr gut.
    Jetzt fehlt nur noch die linke und rechte Seite der Stoffe, oder hast du das auch schon erklärt,
    …………da habe ich bei manchen Stoffen echt keinen Plan, die sehen von beiden Seiten gleich aus.
    Liebe Grüße
    Martina
    Einen schönen sonnigen Sonntag

    • Danke liebe Martina! Zu rechten und linken Stoffseiten habe ich explizit noch nichts erklärt. Ich entscheide mich im Zweifel aber einfach immer für die die ich schöner finde. Und wenn beide Seiten gleich aussehen, nehme ich einfach eine davon:-) Liebste Grüße und einen tollen Restsonntag, Selmin

  5. Super erklärt! Ich habe das vor Jahren mal auf Youtube gesehen… aber biser ignoriert, da ich nie neuen Stoff gekauft habe und auch erst ein einziges Mal ein Schnittmuster verwendet habe…
    In Zukunft werde ich an dich und deine Weisheit denken 😉

    Liebe Grüße

  6. Oh Selim, lieben Dank für diesen Beitrag! 🙂
    In meinen Kursen ist die Wichtigkeit dieser Linie mit das erste, was ich meinen Teilnehmern erkläre. Ich erkläre übrigens auch immer, WARUM der Fadenlauf so wichtig ist, denn ich finde ein stures „Das macht man so“ ist wenig hilfreich.
    Dein Beitrag gibt einen schönen Ein-und Überblick über diesen unscheinbaren und doch so wichtigen Pfeil auf dem Schnittmuster. Klasse!

    Liebe Grüße
    Ute

    Eine Anmerkung aber noch- in der 2. Grafik ist der schräge Fadenlauf leider ein schiefer Fadenlauf- da stimmt der Winkel nicht 😉

  7. Hallo Selmin!
    So ein gut ausgearbeiteter informativer Post über den Fadenlauf. Diesen Post habe ich gleich in meinem „Nähordner“ in den Lesezeichen kopiert. Ich danke Dir ganz herzlich für Deine Mühe und für den wirklich gut verständlichen Post über den Fadenlauf, der soooooooooo wichtig ist. Ich spreche aus Erfahrung!!:-))
    Ganz liebe Grüße, die Bildersammlerin!

  8. Hallo liebe Selten, dieses Thema verfolgt mich auch immer mal wieder in meiner Hobbyschneiderei und ich bin froh über diesen tollen Post, er ist mein „Spickzettel“ ;-).
    Leider irritiert mich die Detailabbildung für die Stoffoberfläche von Website – müsste diese nicht um 90Grad gedreht sein? Kettfaden parallel zur Webkante und Schußfaden senkrecht dazu?
    Liebe Grüße Eileen

  9. Jup, zum Glück war nicht viel neues dabei – die Nähbücher wurde anfangs von mir noch aufmerksam gelesen! Aber es ist toll, dass nochmal so zusammengefasst zu sehen und die Grafiken sind richtig klasse, danke schön!

  10. Hallo Selmin,
    toller Beitrag; ich mag solche informativen Themen; es bleibt doch immer wieder was hängen. Danke, dass du dir die Mühegemacht hast.
    Sonnige Grüße, Claudia

  11. Hallo Selmin,
    Ich hab mir grünen Stoff gekauft und will daraus einen Faltenrock machen. Der Stoff ist 100% Baumwolle. Leider hab ich grad feststellen müssen, dass der Stoff fast nicht reicht. Es sei denn ich schneide den Rock so aus, dass der Fadenlauf quer verläuft. Soll ich es trotdem so zuschneiden? Es geht, soweit ich weiß, hauptsächlich um die Dehnbarkeit, aber Baumwolle ist ja ohnehin nicht wirklich dehnbar und darauf kommt es bei einem Faltenrock eh nicht an. Ich bin erst 13 und hab vor kurzem das Nähen für mich entdeckt, bin also noch etwas unerfahren 😉

    • Hallo Nicola, wie schön, dass Du das Nähen für Dich entdeckt hast! Also, der Rock wird auf alle Fälle anders fallen und er wird, wenn Du ihn im schrägen Fadenlauf zuschneidest auch dehnbar sein., auch wenn es unelastische Webware ist. Das merkst Du, wenn Du diagonal den Stoff mal auseinanderziehst. Aber ich kenne natürlich den Stoff nicht und auch nicht den Schnitt, den Du nähen möchtest. Deswegen nur eine Ferndiagnose:-)

      Kannst Du von dem Stoff nicht noch etwas kaufen? Oder versuchen mit einem Kontraststoff zu arbeiten? Du kannst natürlich auch experimentieren und es im schrägen Verlauf ausprobieren. Dann solltest Du aber beachten, dass der Stoff sich nach dem Nähen noch nach unten ausdehnen kann, wenn Du ihn trägst oder in den Schrank hängst und die Saumlängen unterschiedlich werden. Vor dem Nähen des Saums solltest Du den Rock also über Nacht nochmal aushängen lassen am Kleiderbügel und anschließend musst Du den Saum ggf. korrigieren, so dass er gleichmäßig wird. Und dann erst den Saum nähen. Viel Erfolg bei Deinem Projekt und liebe Grüße, Selmin

  12. Pingback: Crafting Links März 2017 - The Crafting Café

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