Typen von Hobbyschneiderinnen im Stoffladen

Wenn ich nicht gerade an der Nähmaschine sitze, gehört das Stöbern im Stoffladen zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Habt ihr euch nicht auch schon mal gefragt, wer sich da noch so zwischen den Stoffregalen tummelt? Ich hab‘ mich mal ein Bisschen umgeschaut und die unterschiedlichen Damen ganz ungeniert in Schubladen gesteckt. Ganz bewusst spreche ich nur von Damen, denn die geringe Anzahl der Herren auf die ich stieß, verdient irgendwann einmal einen separaten Beitrag. Hier aber nun die sechs markantesten Persönlichkeiten, die ich antraf:

1. Die Planerin

Die Planerin überlässt nichts dem Zufall. Sie hat sich zu Hause eine detaillierte Liste zu ihren geplanten Projekten gemacht und arbeitet sie im Stoffladen genauestens ab. Sie ist der personalisierte Tunnelblick. Von ihrer Liste schaut sie nur auf, um das Regal mit den erforderlichen Stoffen anzupeilen. Stoffe oder Materialien, die nicht ihrem Vorhaben entsprechen, werden ignoriert. Die Planerin wird nur soviel Geld ausgeben, wie sie in ihrem Budget festgelegt hat. Für Bummlerinnen, die stundenlang unschlüssig vor einem Stoffregal stehen, hat sie nur einen mitleidigen Blick übrig.

2. Die Zügellose

Betritt das Geschäft, um eigentlich nur mal so zu stöbern. Von Stoffkaufplanung und Einkaufslisten hält sie nichts. Die einzige Liste, die sie führt, ist ihre endlos lange To-Sew-Liste. Schon beim Eintreten spürt sie das Adrenalin durch ihren Körper fließen. Durch ihre ausgeprägte Fähigkeit, Räume im Schnelldurchgang zu scannen, erblickt sie auf Anhieb Ihre Lieblingsmuster und potentielle Stoffkandidaten für die Schnitte auf ihrer To-Sew-Liste. Andere Stoffe wiederum sorgen für sofortigen Bedarfszuwachs im geistigen Schnittmusterverzeichnis. Bevor sich die Zügellose versieht, steht sie glückselig mit einem Stapel Stoff an der Kasse.

3. Das Pokerface

Betritt als Nähanfängerin zum ersten Mal einen Stoffladen. Sie ist komplett überfordert von der Vielfalt der Stoffe, die sich an den Wänden und Tischen aneinanderreihen. Eingeschüchtert durch die vermeintlich vielen Experten, die sich hier tummeln, will sie auf keinen Fall als Anfängerin auffliegen. So läuft sie mit ausdruckslosem Gesicht zielstrebig durch den Laden. Jeder Stoff wird angefasst und lange begutachtet. Auf ein „Kann ich weiterhelfen?“ der Verkäuferin antwortet sie lässig mit „Nein, danke, ich schau mich nur um“.  Man erkennt Pokerface-Anfängerinnen an vor Verzückung leicht geröteten Wangen. Das Pokerface besitzt großes Potential für spontane Großkaufaktionen von meterweise bunt bedruckten Stoffen, die ihre Regale für lange Zeit zieren werden.

4. Die Stoffconnaisseuse

Der Connaisseuse kannst Du nichts vormachen. Sie lässt sich nicht täuschen durch tolle Trendmuster und leuchtende Stoffe, die die Regale schmücken und bei jedem anderen Stoffliebhaber Hitzewallungen verursachen. Sie hat längst hinter die Fassade geblickt und ist fokussiert auf höchste Qualität. Stoffkaufen ist eine ernste Angelegenheit. Die Connaisseuse kennt sich aus und sie lässt es die Welt auch wissen. Hat sie eine Auswahl getroffen, fordert sie die Verkäuferin bestimmt auf, den Stoffballen aufzuwickeln und ihr den hoffentlich einwandfreien Lauf des Rapports zu zeigen. Ist sie zufrieden, darf man ihr zwei Meter abschneiden. Während des Schneidevorgangs ist ihr Blick hochkonzentriert auf den Stoff gerichtet, um eventuelle Fehler sofort lautstark zu monieren.

5. Thelma & Louise

Zwei nähbegeisterte Freundinnen, genervt von den großen und kleinen Lasten des Alltags und bereit, sich kopfüber in ihr nächstes Nähabenteuer zu stürzen. Ihre Reise beginnt in ihrem Lieblingsstoffladen, in dem sie sich gegenseitig ermutigen werden, ihr Stoffbudget voll auszuschöpfen. Die aufmerksame Beobachterin schnappt beim Vorbeigehen meist folgende Dialogefetzen auf: „Oh, der ist aber schön“ „Oh ja, das ist auch genau deine Farbe, den solltest du unbedingt mitnehmen!“ „Meinst Du?“ „Klaar!“ „Was näh‘ ich denn damit?“ „Das kannst Du Dir ja noch überlegen, schau mal, runtergesetzt auf 7 EUR pro Meter. Da kannst Du echt nichts mit falsch machen, nimm‘ den mit, unbedingt!“ Zack, wird ihr der Ballen auch schon in die Hand gedrückt, damit niemand auf die Idee kommt, der Freundin dieses Schnäppchen wegzuschnappen. Das ist wahre Nähfreundschaft.

6. Die Unermüdliche

Die Unermüdliche kann stundenlang im Stoffladen verweilen. Es gibt nur sie und die Stoffe. Endlos steht sie vor einem Stoffregal, um sich zu überlegen, ob der Stoff zu dem Projekt in ihrem Kopf passt. Ballen werden herausgenommen und nebeneinander gestellt, um optimale Kombinationsmöglichkeiten herauszufinden. Parallel wird auf Pinterest gestöbert, um Designbeispiele zu entdecken und sich inspirieren zu lassen. Prinzipiell betritt sie Stoffläden allein. Gelangweilte und womöglich nörgelnde Anhängsel, wie der Partner oder ihre Kinder machen sie nervös.

Ich muss ja zugeben, in mir vereinen sich gleich mehrere der oberen Persönlichkeiten.  Mein Verhalten im Stoffladen weist nämlich eine starke Neigung zur Zügellosigkeit auf und ich liebe es, Ewigkeiten zwischen den Stoffregalen zu verbringen, gern auch in gleichermaßen begeisterter Begleitung. Für die Charakterisierung der Pokerface-Anfängerin stehe ich höchstpersönlich Pate. Es gibt kaum jemanden, der die „Ich-kenn-mich-aus“-Mine so verinnerlicht hat, wie ich zu meinen Anfangszeiten, Ähem.

Ihr Lieben, wie sieht es denn bei euch aus, hmm? Habt ihr euch irgendwo wiederentdeckt? Oder kennt ihr noch ganz andere Typen? Dann freu ich mich auf eure Kommentare!

Ich wünsch euch einen tollen Tag!

Liebste Grüße,

Eure Selmin

Selmin Ermis-Krohs

Als Slow Fashion & Living Enthusiastin bin ich der kreative Kopf hinter dem Blog Tweed & Greet und Co-Founderin des Kölner DIY Fashion Labels Schnittduett. Ich bin Buchautorin von zwei Nähbüchern, Fotografin, Designerin, Content Creator, Multilinguistin, stolze Hundemama und ich glaube sehr stark daran, dass wundervolle Dinge geschehen können, wenn man sich erlaubt, ein langsameres und kreativeres Leben zu führen. Mit Ideen rund um mein Steckenpferd DIY Fashion zeige ich hier neben nachhaltiger und selbstgenähter Mode, Anregungen, die euch anfeuern sollen, mehr Kreativität in den Alltag zu bringen und auch mal etwas Langsamkeit zu zelebrieren.

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14 Kommentare

  1. Antworten

    lenimo

    5. Juli 2016

    Haha, danke für die gelungenen Charakterisierungen! Tatsächlich finde ich mich in einigen wieder.

    Pokerface wäre ich fast geworden, hab mich dann in meinem ersten Stoffladen aber so willkommen gefühlt, dass ich mir nicht mehr „doof“ vorkam und der Verkäuferin mein nichtvorhandenes Stoffwissen gestanden habe. War super, weil sie mir wahnsinnig viel erklärt und gezeigt hat.

    Jetzt bin ich wohl eine Mischung aus Unermüdlich und Planerin, um auf diese Weise der fatalen Zügellosen zu entkommen 😉

    Liebe Grüße
    Martina

    • Antworten

      Selmin von Tweed & Greet

      5. Juli 2016

      Sehr gute Eigenschaften☺️ Ja, fatal ist wohl das richtige Wort für die Zügellose, hihi☺️

  2. Antworten

    Fredi

    5. Juli 2016

    Ooh also ich merke, ich habe auch gespaltene Persönlichkeiten, da treffen gleich mehrere zu 😛
    Ich plane gerne vorher, wenn ich weiß, dass ich nur ein bestimmtes Budget habe, aber ich gehe auch manchmal nur mit einer vagen Idee und lasse mich von den Stoffen vor Ort inspirieren. Es gibt aber zum Beispiel auch noch die „Können sie mir das umnähen“-Menschen, die „Ich brauche was für eine Tischedecke“-Frauen und ab und an trifft man sogar ein paar Männer, Was die da hintreibt, ist dann aber meist nicht so ganz klar.. 😛
    Süßer Post jedenfalls, gefällt mir!
    Liebe Grüße, Fredi

  3. Antworten

    Melanie

    5. Juli 2016

    Oh! Toller Beitrag! I ♡ Thelma & Louise. Super Typisierung. Könnte man direkt für ein Marketing-Konzept übernehmen.
    Ich bin der 1. Typ. Die Planerin. Ich versuche Stoffläden und -märkte zu umschiffen und sie wirklich nur dann zu betreten, wenn ich etwas bestimmtes nähen will (was leider viel zu selten passiert). Ansonsten bestände die Gefahr, dass sich Zuhause die Stoffe stapeln, weil die ‚Zügellose‘ durchgebrochen ist. ?

  4. Antworten

    Yvonne

    5. Juli 2016

    Oh und dann ist da noch die mit dem Mini-Stoff Fitzelchen die dazu passenden Stoff sucht oder passendes Nähgarn…das sind die Frauen die auch bei schwarzen Stoffen sagen „dieser Stoff ist Blauschwarz und dieser hier ja eher Schwarzblau….ich weiß nicht weiß nicht ob das zu meinem rein schwarzen Knöpfen passt“ und überhaupt hat man noch zwei Meter zu Hause liegen und braucht gar keinen weiteren Stoff mehr, die 6 aus dem Regal gezogenen Stoffballen räumt die Verkäuferin sicherlich gern wieder zurück.
    Immer wieder auch gern gesehen die Kundinnen die laut im Laden verkünden das man diesen Stoff im Internet viel günstiger bekommt und nächsten Monat ist ja Stoffmarkt da könnte man bestimmt auch diesen Stoff viel billiger bekommen….

    viele liebe Grüße Yvonne
    http://by-yvonne-mania.blogspot.com

  5. Antworten

    Schlotti

    5. Juli 2016

    Haha, supergut!! 😀
    Das trifft nicht nur auf Stoffläden zu, sondern auch auf so manch anderen Laden, muss ich sagen.
    Hier bin ich, durch mein Anfänger-Dasein, definitiv stark hingezogen zu Team „Pokerface“. Allerdings in Verbindung mit panischem Schnellmachen oder Verzweifeltem Langeschauen.
    Mittwoch wieder 😀

  6. Antworten

    Eda Lindgren

    5. Juli 2016

    Auch in meiner Brust schlagen wohl zwei Herzen: Einerseits plane ich gerne, was ich für Sommer- oder Winterkleidung nähen mag. Da gibt es natürlich auch einen Punkte „Stoffe“ auf der Liste. Andererseits geht die Stoffliebe ganz schön oft mit mir durch – was der Kontostand meistens nicht so lustig findet 😛

    Liebe Grüße
    Eda

  7. Antworten

    Tüt

    5. Juli 2016

    Eine interessante Beobachtung! 😀 Ich bin zu einem sehr großen Teil die Planerin, weil ich mit den vielen Stoffen sonst überfordert bin und letztendlich gar nichts kaufe. Ich brauche diesen genauen Plan. Deshalb kaufe ich auch gern im Netz, im Stoffladen ist ja oft nach Farben sortiert oder so ein Quatsch, da such ich dann ewig nach der passenden Qualität. Poker Face kann ich aber auch gut, weil ich lieber in Ruhe gucken will als zu sagen „Ich möchte ne Jeans nähen“ und sie mir den Stoff hinschieben. Was ist, wenn ich da was verpasse? 😀

  8. Antworten

    Susi

    5. Juli 2016

    Liebe Selmin,

    da hast du aber einen gelungenen Beitrag verfasst!
    Ich glaube,… ja doch passt 1 zu 1 ich bin die Zügellose und das ist auch gut so :b
    Vielen Dank für die bereitete Freude!

    Herzlichst,

    Susi 🙂

    PS: Hast die älteren Damen vergessen, die ihren Ehemann ,,Horst“ oder ihre Freundin ,,Giselle“ im Slepptau haben und sich immer den unmöglichsten Stoff aus dem ganzen Laden aussuchen.
    PPS: Hoffentlich ist das kein Omen!! ^^

  9. Antworten

    Marie

    5. Juli 2016

    Ich glaube, ich bin gar nichts davon. Was auch daran liegen könnte, dass ich quasi nie in Stoffläden gehe, aus Mangel an Gelegenheit. Da wo ich wohne, gibts im Nachbarort einen Stoff- und Handarbeitsladen. Das Ding gleicht einer Apotheke, mir gefält da nie was und wenn, dann kostet der Meter 35 Euro. In der nächstgrößeren Stadt gibt es einen, der fast nur Kinderjerseystoffe führt, auch nicht so meine Abteilung. Drum bestelle ich mit Vorliebe online.
    WENN ich mal in einen richtig echten Stoffladen gehe, dann in meiner alten Heimatstadt, da gibts zwei. Ich bin eigentich so eine Nur-mal-Guckerin, die selten was Bestimmtes „braucht“, sondern schaut, was es so gibt, was man daraus machen könnte und wo es ein Schnäppchen zu machen gibt. Manchmal/oft vergesse ich die so erstandenen Schnäppchen dann wieder (weil ich halt nicht weiß, was ich daraus machen soll) und finde sie Monate später beim Wühlen in der Stoffkiste. So wie gestern, und da hab ich mir eine tolle Bluse genäht und freu mich schon drauf, dass ich nächste Woche wieder nach Hause fahre und Stoffläden angucken kann!

    Also summa summarum bin ich dann Typ 7 und Typ 8, eine kuriose Mischung aus Schnäppchenjägerin und „Ich gönn mir das jetzt einfach mal“.

  10. Antworten

    neko

    6. Juli 2016

    Hach, ich hatte schon Angst, ich muß mir einen Typ aussuchen.
    Ich sortier mich überall ein bißchen ein. Je nach Lage der Nation. Außer vielleicht bei der Connaissance. Das passiert mir leider hin und wieder eher unabsichtlich: zielsicherer Griff zum teuersten Stoff im Laden.

    LG neko

  11. Antworten

    Marina Pitzer

    6. Juli 2016

    Liebe Selmin,
    ein schöner, lustiger Artikel!

    Ich betrete den Stoffladen/Markt in der Regel als „die Planerin“. Mutiere recht schnell zur „Unermüdlichen“ – ich kann echt stundelang Stoffe anschauen, befühlen, vergleichen, erwägen, verwerfen … Um dann letztendlich wie „die Zügellose“ das Feld mit einem Arm voll Stoff zu verlassen. Glücklich, mit einem klitzekleinen schlechten Gewissen, aber ach …

    Lg
    Marina

  12. Antworten

    laura

    6. Juli 2016

    Ach wie herrlich! Besonders bei den Nähfreundinnen Thelma und Louise musste ich schmunzeln, die trifft man hier in Leipzig öfters an und die kaufen gern kunterbunte Stoffe, um ihren Kindern Haremshosen zu nähen. 😀 Ich vereine auch mehrere Persönlichkeiten in mir, bin mal Planerin und mal Zügellose, je nach Tagesform… Nur unermüdlich bin ich selten, sondern scanne fix und bin dann ruck, zuck an der Kasse oder eben wieder draußen. Tihi!

  13. Antworten

    Amely

    11. Juli 2016

    Sehr treffende Beschreibung! Ich würde mich spontan als zügelloses, unermüdliches Pokerface kategorisieren:) LG Amely

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