Es ist doch nur Stoff – Für mehr Cool und weniger Perfekt an der Nähmaschine

Perfekt Nähen

„Oh nein, guck mal, das ist total schief geworden. Das muss ich nochmal machen“ Das waren die Worte einer Nähanfängerin, deren allererstes Projekt ein Rock mit seitlichen Eingrifftaschen und Reißverschluss war und auf dessen rechte Seite sie gerade eine runde (!) Applikation genäht hatte. Der Rock sah super aus und auch die Applikation war tadellos angebracht. Respekt.

„Das sieht man gar nicht. Das siehst nur Du.“ antwortete ich, doch ich kannte ihre Gedanken und es wunderte mich nicht, dass sie trotzdem zum Nahtauftrenner griff, um die Applikation nochmal abzulösen. Mir ging es am Anfang genauso. Gerade als Anfängerin hatte ich die Illusion, dass ALLES, was ich nähe, genauso „perfekt“ aussehen muss, wie gekauft. Anstatt mich stolz vor den Spiegel zu stellen, begutachtete ich leicht schief aufgesetzte Taschen oder Wellen in der Saumnaht. Auch heute noch ertappe ich mich dabei, wie ich Leute, die mir ein Kompliment für ein neues selbstgemachtes Kleidungsstück machen, direkt auf meine Fehler hinweise.

Aber, meine lieben Nahtzugaben-mit-der-Wasserwaage-Checker, wir können unsere handgemachten Einzelstücke nicht einfach so mit der vermeintlich perfekten Kleidung aus dem Einzelhandel vergleichen. Während wir mit ausgestrecktem Zeigefinger an einem Sonntagnachmittag „nahtverdeckter Reißverschluss“ im Index unserer Nähfibel suchen, haben die Näherinnen aus der Bekleidungsindustrie, bereits gefühlt 50 verdeckte Reißverschlüsse in 50 Kleider eingenäht.

Unsere Hände sind, je nach Erfahrungsgrad, manche Handgriffe beim Nähen gar nicht gewohnt. Schon gar nicht, wenn wir sie das erste Mal machen. Ich kann nicht erwarten, dass mein erster nahtverdeckter Reißverschluss tip top sitzt. Wenn ich diese Erwartung an mich stelle, führt das entweder dazu, dass ich mich gar nicht erst an das Projekt herantraue: „Das wird eh‘ krumm und schief“. Oder hektisch und gefrustet mit dem Nahtauftrenner so oft an den Nähten herumfuchtele, bis ich das Kleid mit total zerfransten Nähten in die Ecke donnere. Spaß sieht anders aus.

Wagen wir mal ein kleines Experiment: Nehmt euch doch mal ein x-beliebiges gekauftes Stück aus dem Schrank und untersucht es ausgiebig. Ich bin mir sicher, ihr werdet mindestens einen kleinen Fehler finden. Einen Mini-Fehler, der uns, hätten wir das Kleidungsstück selbst genäht, bestimmt in einen Verzweiflungsakt gestürzt hätte.

Wenn ich zum Beispiel eine schiefe Naht in den Saum nähe, bin ich die einzige, die von dieser schiefen Naht weiß. Wenn das Kleidungsstück im Gesamtbild fertig ist, fällt sie gar nicht mehr auf. Nur weil ich weiß, dass sie dort ist, sehe ich sie ständig. Mittlerweile trickse ich mich damit aus, indem ich das Projekt dann einfach zur Seite lege und ein paar Tage später wieder drauf schaue. Dann hat sich mein Fehler gefühlt relativiert. Dann sehe ich das einzigartige Stück, dass ich mir geschaffen hab und das perfekt auf meine Maße zugeschnitten ist. In genau der Farbe und dem Muster, mit dem ich es haben wollte. Das soll ein gekauftes Kleidungsstück erst einmal schaffen.

Und wenn ihr mich das nächste Mal mit einem Kleid antrefft, das einen schief angenähten Reißverschluss hat, dann liegt das nicht an meiner verschrobenen Wahrnehmung. Sondern daran, dass ich mich nach ein paar verzweifelten Kämpfen mit meinem Nahtauftrenner dazu entschied, es einfach so zu lassen und mit einem Lächeln zu tragen. So blöd Nähfehler in einem Kleidungsstück auch sind. Sie erinnern uns an die Arbeit, die wir in dieses Projekt gesteckt haben. So.

Ihr Lieben, wie perfektionistisch seid ihr und was macht ihr mit unperfekten Nähprojekten? Werden sie in die Ecke gepfeffert? An die Schwiegermutti verschenkt? Oder stolz präsentiert? Lasst es mich wissen!

Genießt die frühlingshafte Vorweihnachtszeit und habt einen schönen Tag!

Liebste Grüße,

Selmin

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20 Kommentare

  1. Antworten

    Rapantinchen

    17. Dezember 2015

    Super geschrieben! Meine Nähfehler werden einmal getragen und dann nie wieder – eben weil sie für mich immer im Focus sind. Eigentlich schön blöd. Guter Vorsatz für das nächste Jahr: Fehler ignorieren. Habe beim Spiegelpulli für den Sohn schon angefangen 😉

    LG Anja

    • Antworten

      Selmin von Tweed & Greet

      17. Dezember 2015

      Hallo liebe Anja und vielen lieben Dank für’s Teilen auf Facebook! Genau Fehler ignorieren klingt gut…zumindest ab und an;-) Ich finde den Spiegelpulli übrigens auch ganz großartig…mir hätte das genauso auch passieren können!

      Liebe Grüße,
      Selmin

  2. Antworten

    Jana

    17. Dezember 2015

    Oh man, dass kenn ich nur zu gut. Ich bin aber pingeliger wenn ich Sachen für andere nähe und da dann einer Fehler drin ist…Das mag ich gar nicht – hoffe immer inständig sie sehen den kleine Fehler nicht oder ich mach es dann wieder auf. Bei Sachen für mich geht es – wie du so schön sagst, dass weiß nur ich und ich vergesse es dann auch schnell. Aber wenn mein Mann etwas bekommt, bin ich nervös…Vorsatz fürs nächste Jahr: Gelassenheit beim Verschenken! Sie bekommen eh nur Sachen von mir genäht und freuen sich über die Arbeit und Geste!
    liebe grüße
    Jana

    • Antworten

      Selmin von Tweed & Greet

      17. Dezember 2015

      Oh ja, kenn ich, wenn ich für andere nähe achte ich da auch ganz anders drauf…ab heute gilt auch da: Relax, take it eeaaasyyy…;-)

  3. Antworten

    Doreen

    17. Dezember 2015

    Ich habe zum Gluck eine sehr entspannte Einstellung zu Nähfehlern 🙂 von Anfang an habe ich versucht, konzentriert zu sein und eben jene schiefen und krummen Nähte einfach zu ignorieren. Mit jedem Stück wird man ja besser, daher bin ich sogar fast stolz auf diese kleinen „Individualitäten“, den so wird aus dem genähten Stück tatsächlich erkennbar etwas „selbstgemachtes“. Und das bewundern die Leute oft mehr als die schiefe Naht.

    • Antworten

      Selmin von Tweed & Greet

      17. Dezember 2015

      Hallo liebe Doreen, das ist eine tolle Einstellung: Konzentriert arbeiten, aber eben auch lässiger mit Fehlern umgehen:-)

      Liebe Grüße,
      Selmin

  4. Antworten

    Anonymous

    17. Dezember 2015

    Du hast so recht; es kann und muß nicht immer alles perfekt sein, damit etwas schön aussieht. Und eine Näpause am jeweiligen Projekt hilft tatsächlich, das Stück liebevoller zu betrachten.
    LG von Susanne

    • Antworten

      Selmin von Tweed & Greet

      17. Dezember 2015

      Genau, am nächsten Tag hab ich einfach mehr Abstand:-)

  5. Antworten

    Astrid

    17. Dezember 2015

    Hallo Selmin, am Anfang des Artikels, dachte ich nur “ von wegen Kaufkleidung, die ist so gar nicht fehlerfrei genäht.“ Beim Weiterlesen mußte ich laut lachen, denn genau das hast du dort beschrieben.

    Nun zu deiner Frage. Ich bin sehr pingelig mit meinen Nähsachen. Sie sollen ja gerade schöner sein, als die gekauften Teile. Der Fokus liegt dabei mehr auf der Passform. Ich kann es weder bei Kauf- noch bei DIYsachen leiden, wenn die Dinge nicht richtig sitzen. Deshalb geht mein Wissensdurst in diese Richtung, um mein Nähen zu verbessern. Das läuft keineswegs verbissen ab. Ich nähe viel nach dem Motto „Übung macht den Meister“. Tatsächlich kann ich beobachten, dass die Fertigkeiten zunehmen, wäre ja auch komisch, wenn nicht ;-)) Wenn es zu kribbelig wird, nähe ich zwischendurch kleine Kindersachen oder so Tüddelkram, wie einfache Taschen und Täschchen. Die gehen fast im Schlaf und sind Garant für ein Erfolgserlebnis.

    Fazit: ich nähe zur Entspannung, freu mich diebisch, wenn alles gut wird. Nehme „kleine Fehler“ in Kauf, um sie beim nächsten Teil besser zu machen.

    Wünsch` dir einen entspannten Tag an der Nähmaschine.
    LG, Astrid

    • Antworten

      Selmin von Tweed & Greet

      17. Dezember 2015

      Hallo liebe Astrid, danke für Deinen Kommentar und auch Deinen Text zu diesem Post auf Deinem Blog. Du hast total Recht, Übung macht den Meister. Es gilt: Den Perfektionismus auszublenden und sich an neue Schnitte/Techniken heranzuwagen, auch wenn sie vielleicht nicht immer so enden, wie die Vorstellung in unserem Kopf. Beim nächsten Mal wird es besser werden:-) Und zwischendurch mit kleinen Ruck-Zuck-Projekten die Erfolgserlebnisse einheimsen:-) Wünsche Dir einen schönen Abend und liebe Grüße,
      Selmin

  6. Antworten

    Jenny

    17. Dezember 2015

    Als gelernte Maßschneiderin bin ich darauf gedrillt, sehr perfektionistisch zu arbeiten. Allerdings bin ich daher auch der Auffassung, dass gekaufte Kleidung keineswegs perfekt ist – meistens fallen mir auch bei Leuten auf der Straße bei Kaufklamotten schiefe Nähte oder verschobene Muster auf.
    Leider steht mir das auch oft im Weg und ich ärgere mich, wenn ich Nähte zehnmal auftrenne, als dass ich einfach drüber hinweg sehe. Da geht dann auch etwas der Spaß verloren.

    • Antworten

      Selmin von Tweed & Greet

      17. Dezember 2015

      Hallo liebe Jenny, ja, seitdem ich selbst viel nähe, fallen mir bei gekauften Kleidungsstücken auch direkt solche Fehler auf. Das hilft mir allerdings oft dabei, meine Fehler nicht mehr ganz so verbissen zu sehen.

  7. Antworten

    Ina

    17. Dezember 2015

    Liebe Selmin,
    Deine Gedanken treffen gerade direkt auf meinen Weihnachtskleid-Frust. Ich kämpfe und kämpfe und kämpfe mit den Ärmeln. Die wollen irgendwie nicht passen, schlagen Falten, die in meinem Augen groß wie Zelte sind…Sonst ist das Kleid sehr schön geworden, und so habe ich es mit den misslungenen Ärmeln am Wochenende zu einer Familienfeier getragen. Und, wer hätte es gedacht, alle waren voll des Lobes. Sicher, es waren auch alles „Nicht-Näher“, aber keiner hat von sich aus etwas bemerkt. Doch ich habe, genau wie Du schreibst, nichts besseres zu tun gehabt, als auf die anerkennenden Bemerkungen zum Kleid, jeden auf die schlimmen Ärmel hinzuweisen (statt zu genießen und zu schweigen). Dass es der Fehler den anderen gar nicht aufgefallen ist, spräche für Deinen Slogan „mehr cool – weniger perfekt“ und trotzdem kann ich nicht aus meiner Haut. Ich habe die Ärmel inzwischen wieder abgetrennt und bin dabei, mit Probestoff den Schnittverlauf zu ändern, um es besser hinzubekommen. Perfekt wird es sicher nicht, aber mein Ehrgeiz ist herausgefordert. Und der wird wohl immer wieder bei meinen Projekten angestachelt sein – insofern gehöre ich wohl eher zur Kategorie „weniger cool – mehr perfekt“ 🙂
    Liebe Grüße und Danke für den Denkanstoß!
    Ina

  8. Antworten

    Lee

    17. Dezember 2015

    Wie wahr….wie oft meckere ich an meinen Sachen rum und dann sagt mir mein Mann ich hätte eine ernsthafte Macke! Zum Glück wird es mit der Zeit wirklich besser.
    Liebe Grüße,
    Lee

  9. Antworten

    melanie

    17. Dezember 2015

    Toll geschrieben! Gerade heute ist mir mal wieder ein Fehler unterlaufen. Ich habe für meine Tochter einen Rock aus Baumwolle genäht und habe mich schon voll gefreut, dass ich an die Wendeöffnung gedacht habe. Aber dann konnte ich den Rock gar nicht wenden. Bis jetzt habe ich nicht verstanden, was ich falsch gemacht habe! Mit Plan B hat es dann doch geklappt. Nähen und Perfektion geht bei mir nicht zusammen. Liebe Grüße!

  10. Antworten

    Mona

    17. Dezember 2015

    Toll geschrieben, genau so geht es immer irgendwie immer. Mein Mann sieht die schiefe naht nie aber ich.

  11. Antworten

    Sandra

    17. Dezember 2015

    YEAH, wie recht Du hast. Ganz schlimm, statt zu sagen: Schaut her, ist das nicht cool!! schreibe ich auch immer alles (fast:))) was nicht so gut klappt. Oder sitzt. Grummel.
    Geerdet werde ich immer, wenn ich die Kaufshirts meines Mannes bügel. Eigentlich unmöglich, so schief und verzogen sind die…
    Danke für diesen Beitrag!
    Liebe Grüße
    Sandra

  12. Antworten

    Wiebke

    20. Dezember 2015

    Haha, das kenne ich nur zu gut. Wobei ich da zwei Seiten habe: Die eine wills möglichst perfekt und die andere will schnell durchsein und das Ding anziehen. Ich versuche da immer ein gesundes Mittelmaß zu finden. Es gibt Fehler, die habe ich nach einer Woche vergessen. Und dann gibt es welche, die nerven mich immer und immer wieder – meist die Ergebnisse saudummer Abkürzungen („Die paar Zentimeter machen bestimmt keinen Unterschied …“)

    Den Impuls, andere auf Nähfehler hinzuweisen, habe ich auch jedes Mal wieder. Irgendwann ist mir aber mal aufgefallen, dass es eigentlich ziemlich unhöflich ist und das Kompliment des anderen auch abzuwertet, wenn man denjenigen sofort auf Fehler hinweist.

    Seitdem erlaube ich mir öfter mal, mich einfach nur zu bedanken und zu freuen und überspiele meine Verlegenheit dann damit, ein bisschen was von dem Stoff oder dem Schnitt zu erzählen oder das Blümchenschrägband auf der Innenseite zu zeigen. Das finden Nicht-Näherinnen dann meistens auch viel interessanter als schiefe Nähte 😉

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